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Standpunkt

Glück

20. März 2019 | Standpunkt

Heute am Weltglückstag beginnt eine kleine Serie über das Glück. Wer will nicht glücklich sein?
Das Glück fasziniert uns sehr. Aber wie ist es zu erreichen? Wie ist es festzuhalten? Zunächst wird Glück damit identifiziert, nicht mehr so viele Bürden und mehr Wahlmöglichkeiten zur Verfügung zu haben. Frühere Generationen, die noch in Maslows Bedürfnispyramide (Physiologisch, Sicherheits-, soziale und Selbstverwirklichungsbedürfnisse) mehr mit den Grundbedürfnissen befasst waren, würden uns wahrscheinlich beneiden, wie gut wir es haben. Andererseits hatten sie auch nicht unseren Stress mit Beschleunigung, Qualitätserfordernissen, Sozialkompetenzansprüchen und Selbstoptimierung. Aus dieser Perspektive hatten die es früher vielleicht besser, hätten glücklicher sein können, weil es noch um etwas, vielleicht sogar Wesentlicheres ging. Das Glück scheint also zwei interessante Ebenen zu haben, eine materielle und eine mentale. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, meinte Karl Marx bemerkt zu haben. Aber vielleicht gilt das doch nicht fürs Glück?

Nun kommt der Ansatz von Mathias Binswanger ins Spiel. Er beschreibt „Die Tretmühlen des Glücks“. Der Untertitel „Wir haben immer mehr und werden nicht glücklicher“ wird mit der Frage „Was können wir tun?“ abgeschlossen. Damit hat er schon seine Haupthypothese offengelegt: Eine oberflächliche Glücksvorstellung wie möglichst viel Geld haben scheint nicht zu reichen. Er benennt vier große Tretmühlen, die in Richtung des Glücks versucht werden, die aber nicht zum Erfolg führen. Die erste ist die Statustretmühle, nach der Leute versuchen, durch höheren Status mehr Glück zu erreichen. Die höhere Position, das Angesehenersein in der Gesellschaft verspricht vermeintlich Glück. Die zweite ist die Anspruchstretmühle, nach der wir unsere Konsum- und Verbrauchsniveaus nach oben schrauben. Eine bessere Versorgung mit Gütern in allen Bereichen erhöht das Glück. Leider gilt das auch für Milliardäre: Mehr als essen kann man nicht. Die Multioptionsmühle stellt dann das Sich-Verlieren in den vielen Wahlmöglichkeiten und die Komplexität des heutigen Lebens vor. Mehr Optionen, mehr Freiheit zu Wählen erbringt das Glück auch nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die vierte Tretmühle benennt das Zeitsparen. Mehr Effektivität und mehr Effizienz mit resultierendem größerem Zeitspielraum scheint uns, wenn es möglich ist, auch nicht attraktiv.

Als Ökonom sieht Binswanger als Dilemma des modernen Wirtschaftens, dass es kein Wachstum gibt ohne die Tretmühlen. Deshalb produziert die Wirtschaft oder wir alle zusammen als Kollektiv diese Dynamiken, die er Tretmühlen nennt. Was ist nun zu tun? Binswanger offeriert ein Zehn-Punkte-Programm. Es setzt sich zusammen aus einer entschiedenen Aufmerksamkeit für das, was man tut, aus dem Abschied von vorgegeben Rollenmustern und aus dem Heraushalten vom Vergleichen. Letzteres kommt in mehreren seiner Tipps vor: keine Verherrlichung von Wettbewerb, keine Rankings mehr. Er greift aber auch ökonomisch ein: Verpflichtende Beschränkungen und insbesondere auch der Spitzengehälter. Dies habe eine lange Tradition und lasse sich bis zu den Römern zurückverfolgen. Es wäre vor allem als Medizin gegen die Statustretmühle interessant. Binswanger erwähnt hier auch die vom Urliberalen Adam Smith interessanterweise vorgeschlagene Luxussteuer, mit der dieser im Vertrauen auf die Schattenseiten des Menschen eine stetige Einkommensquelle für den Staat wähnte. Binswanger selbst scheint eher einer progressiven Einkommensteuer zuzustimmen, die den endlosen Drang nach noch mehr Einkommen zu erzielen, mäßigt. Dies ist allerdings in der theoretischen Ökonomie heute ein umstrittenes Argument. Abschließend fordert der Autor die Leser auf „Üben Sie sich in der Lebenskunst!“ Dazu zitiert er den großen Ökonomen des 20. Jahrhunderts: John Maynard Keynes, der für unsere jetzige Zeit den großen Wohlstand schon prognostiziert hatte, aber uns gleichzeitig dann in dem wirklichen Problem sieht, nämlich seine Zeit gut zu verbringen, „um vernünftig und angenehm und gut zu leben“ (S. 207).

Ein nachdenkenswertes Buch liegt hier vor- Binswanger ist ein bekannter Ökonom. Er ist „gemäss dem Ökonomen-Einfluss-Ranking der Neuen Zürcher Zeitung im Jahr 2017 auf dem dritten Platz der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz und der Ökonom mit dem grössten Einfluss in der Politik“, so verrät der Klappentext. Er entschuldigt sich quasi hier ein populärwissenschaftliches Buch geschrieben zu haben. Die Grundidee des Buches ist ursprünglich von 2006. Offensichtlich hat sich nicht viel geändert, verblüffenderweise auch durch den großen Einschnitt der Wirtschaftskrise ab 2008 nicht. Wir machen einfach so weiter. Eigentlich müsste er als Ökonom auch von der Überproduktionskrise sprechen- Aber dies ist eine marxistische Hypothese, die einem traditionell ausgebildeten Ökonomen heute nicht mehr „steht“. Dennoch beschreibt er wunderbare Beispiele, wie Überproduktion beispielsweise im Lebensmittelbereich vorkommt. Gleiches könnte man auch heute bei den Automobilen so sehen, wo man versucht, selbst kriminell verursachte Krisen zum Angebot für Neuanschaffung bei gleichzeitige Verschrottung des Bisherigen zu drehen.

Insgesamt liegt hier ein interessanter Entwurf vor, sich dem Glück zu nähern. Die Ökonomenbrille bleibt deutlich erkennbar. Vielleicht sind die Ökonomen bis zu einem bestimmten Wohlstandsniveau, mit dem das Glück auch steigt, Experten für mehr Glück. Aber – und das sieht Binswanger klar – ab einem bestimmten Punkt sind andere Dimensionen der Lebenskunst wichtig.
Binswanger, M.: Die Tretmühlen des Glücks. Freiburg: Herder, aktualisierte Neuausgabe, 2019.

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