Feldwissen

Standpunkt

Der Mythos Komplexität

15. Dezember 2018 | Standpunkt

Ist die Welt heute wirklich komplexer, wie gerne behauptet wird. Die VUKA-Welt existiere mit Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit), alles sei anders geworden. Menschen, denen ich in 2018 in aller Welt begegnet bin, haben immer noch die gleichen Themen. Sie sorgen sich um ihr aktuelles Auskommen und die Lebenschancen ihres Nachwuchses. Meiner Erfahrung sind die Probleme der einfachen Leute überall in der Welt sehr ähnlich.
Klar, in reichen Gegenden in Europa und Amerika kommen die Menschen mit den Grundbedürfnissen besser klar. Aber glücklicher sind sie dadurch nicht. Sie leiden dort unter Komplexität. Sind die großen Themen und die Komplexität dann nicht eher etwas Mediales? Oder ist es ein Wohlstandseffekt? Wenn man schon viel hat, immer mehr zu wollen, noch mehr zu optimieren etc. Natürlich hat die Vielfalt der Produkte zugenommen. Das oft beschriebene Joghurt-Regal des Supermarkts zeigt dies. Auch die Produktvariationen und die Vorschriften für Produkte haben ungeheuer zugenommen: Zusammensetzung, Qualitätsnormen, Umweltnormen, ….
Was auch zugenommen hat, ist die Anzahl und die Unmittelbarkeit der Informationen, die zugänglich sind. Menschen, die sich für die Welt interessieren, werden mit Informationen überflutet. Längere Bücher oder längere Artikel zu lesen, ist kaum noch möglich und wird eher unüblich. Aber auch das ist keine Komplexität. Es ist lediglich mehr geworden, aber nicht unbedingt komplexer. Komplexität soll ja das sein, wo wir nicht wirklich durchblicken, weil die Zusammenhänge nicht klar und transparent sind. Wissenschaftlich betrachtet gab es davon aber in vergangenen Zeiten bedeutend mehr als heute. Wie konnte man früher das Nichtwissen aushalten? Aber viele technische Produkte sind doch selbst von technisch versierten Menschen weniger zu durchblicken. Bei Lichte betrachtet war auch das früher für viele schon der Fall. Wer konnte schon die komplizierten Zusammenhänge von Maschinen durchblicken? Die, die früher als Autoschrauber noch ihren Wagen zerlegen und wieder zusammenbauen konnten, sind vermutlich beim Tesla überfordert, wenn es in die Einzelheiten geht. Aber auch das hat nicht mit Komplexität zu tun. Oft wird vorgebracht, dass durch die demokratischen Beteiligungsprozesse Entscheidungsprozesse etwa dass jetzt alle ein Mitspracherecht haben, die Komplexität erhöhe. Aber ist das Komplexität oder Transparenz und Demokratie? Die Welt ist vielleicht doch nicht komplexer geworden. Sie zeigt sich nur mehr so wie ist.

Literatur: Mohr, G.: Systematische Wirtschaftsanalyse – Mensch und Ökonomie in Einklang bringen, Bergisch-Gladbach: EHP.

Lesen Sie, was mich an- oder aufregt. Welches Buch ich gerade lese oder womit ich mich sonst beschäftige. Anmerkungen sind sehr willkommen.