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Standpunkt

Agilität? – Ist Agilität nur ein kapitalistisches Ablenkungsmanöver?

24. November 2018 | Standpunkt

Agilität hat sich mit dem agilen Manifest als Antwort auf Probleme im Marktprozess der Softwareproduktion entwickelt. Damit einher gingen veränderte technische Möglichkeiten der Digitalisierung. Dies fand in einer Welt zunehmender Globalisierung statt. Entstanden sind mittlerweile monopolistisch anmutende Strukturen durch die großen fünf (Apple, Microsoft, Facebook, Google, Amazon). Die gestern noch rücksichtslos alle Konkurrenten beseitigenden Unternehmer sind zu Management-Ikonen geworden (Steve Jobs) oder haben sich heute als Welt-Philantropen (Bill Gates) etabliert. Dies vernebelt zum Teil die Machtposition dieser Unternehmen.
Gleichzeitig werden neue Formen des Arbeitens (New Work), von einigen propagiert wie etwa Laloux´s Reinventing organization oder Robertsons Holacracy (Mohr, 2019).
Die drei Elemente, technischer Fortschritt, Globalisierung und der New-Work-Ansätze sind dabei deutlich voneinander zu unterscheiden. Der technische Fortschritt ist sowohl nach der Theorie als auch der Praxis in den Volkswirtschaften immer der Treiber für wirtschaftliche Veränderungen. Menschen waren in der Erfindung neuer technischer Möglichkeiten stets sehr kreativ, in der Nutzung waren sie oft schamlos und haben moralische und grausame Varianten realisiert.
Die Globalisierung dagegen ist durch die Notwendigkeit der erweiterten kapitalistischen Verwertung und Eigendynamik entstanden, um die ganze Welt als Markt zur Verfügung zu haben.
Dass Globalisierung und technische Möglichkeiten alles in aller Welt kommunizieren, auch den Wohlstand der reichen Länder, hat Wanderungsbewegungen entstehen lassen, um an diesem Wohlstand teilzuhaben. Die Migration hat nicht nur mit den Konflikten und den Waffen in der Welt zu tun, sondern zentral mit der Armut und der Ungleichheit der Lebensverhältnisse, die viele Arme heute nicht mehr akzeptieren, sondern einfach veranlassen, zu den Möglichkeiten hinzugehen. Hiermit haben die einfachen Geister, die Komplexität in Gesellschaften nicht ertragen können, große Schwierigkeiten. Aber auch sie werden die Wanderungen nicht aufhalten. Dies ist in der Historie bisher nie gelungen. Es hat manchmal ein bisschen gedauert wie bei Germanen und Römern oder Mongolen und Chinesen.
Die genannten New-Work-Initiativen (Laloux, Robertson …) stehen in der Tradition mehrerer Wellen von humanistischem Gedankengut für die Arbeitswelt. Schon die Frühsozialisten wie Saint-Simon und Owen haben im 19. Jahrhundert humane Arbeitsbedingungen erstrebt, bevor Marx dann eine fundamentale Kritik des Wirtschaftssystems verfasste. Dann kamen in den 1930er Jahren in Amerika nach den Hawthorne-Experimenten durch die humanistische Psychologie wieder Impulse für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Nicht zu vergessen sind auch ein Jahrhundert Versuche der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, die Arbeitsbedingungen zu humanisieren. Im Beispiel Deutschland wurde mit dem „Schlechtwettergeld“ volkswirtschaftliche Kompetenz und Arbeitsplätze, volkswirtschaftliche Nachfrage, damit das Bruttosozialprodukt in der Krise 2008 und danach erhalten. Die EZB hat mit permanenter Niedrigzinspolitik dann entgegen aller bisheriger Expertise den volkswirtschaftlichen Film am Laufen zu halten versucht und sogar bisher recht erfolgreich.
Aber die Zukunft: Digitalisierung wird die durch Muster und Routinen geprägten Formen intelligenter menschlicher Arbeit ersetzen (Lönneker, 2018, S. 21). Genau diese Routinen machen bisher so genannte Berufserfahrung aus.
Es geht nicht um Arbeitsergänzungsstoffe wie Scrum, Design Thinking, Dialog, selbst Meditation oder Ähnliches. Diese werden oft in einer Form realisiert, dass sie nur die bestehende Logik verstärken. Design Thinking wird dann als reines Format durchgezogen und setzt keine Kreativität frei. Meditation soll zu anschließender Beschleunigung dienen. Dialoge werden durch Macht oder Ideenklau von Einzelnen ausgenutzt.
Wir müssen neue Wirtschaftsidentitäten entwickeln, die wir heute noch nicht endgültig kennen. Ob die seit den 1990er Jahren wiederbelebte liberal-kapitalistische Wirtschaftsorientierung das erreichen kann, erscheint sehr fraglich. Unternehmen als Vermögensvermehrer einiger weniger, ein Steuersystem, das Arbeit besteuert, alles das passt nicht mehr. Menschen, die dazu erzogen werden, Chefs zu folgen, werden nicht mehr gebraucht. Denn diese Chef-Mittarbeiter-Beziehungen passen auch nicht mehr. Die Chefs haben nicht dieses Wissen, die Mitarbeiter müssen ihre Intelligenz zeigen dürfen.
Die neue Wirtschaft braucht neue Rahmenbedingungen.
Literatur:
Lönneker, J. (2018): Traum oder Albtraum? Zur Identitätsbildung im Zeitalter der Digitalisierung, in:n Wirtschaftspsychologie aktuell, 3, S. 21-26.
Mohr, G. (2019, i.D.): New Work – Organisationsrevolution? Hamburg: tredition.

Wieviel kann man beim agilen Arbeiten in Frage stellen? Hier scheiden sich schnell die Geister. Führung müsse doch sein. Insbesondere Ziele müssten weiter von der Unternehmensleitung vorgegeben werden, schreibt ein CAO (Chief Agile Officer). Die Mitarbeiter und die Teams würden dann über den Weg zu den Zielen entscheiden können. Wirklich? Ist das mit agil gemeint?
Die Logik der Unternehmen hat sich durch das Scheitern der neoliberalen Wirtschaftsform in der letzten Krise seit 2008 verändert. Das letztlich aus dem einen Ziel, dem shareholder value heruntergebrochene Zielsystem durch ganze Organisationen hindurch hatte abgewirtschaftet. Was damals in der deutschen Wirtschaft rettete, waren Improvisation und Flexibilität in Firmen gekoppelt mit Errungenschaften der Arbeiterbewegung wie dem Kurzarbeitergeld. Das Führen mit Zielen wurde grandios überschätzt, war so oft nicht einzuhalten. Es sollte den Managern nur Sicherheit gegenüber der Kapitalseite bringen. Führen mit Zielen hat sich nirgends als Resilienzfaktor gezeigt.
Parallel dazu läuft die informationstechnologische Revolution weiter. Gerade die Softwarefirmen konnten dann mit ihrer festen Zielgröße keinen Kundenwunsch mehr vernünftig abarbeiten. Mit dem bisherigen System war es nicht mehr aufzufangen. Das Agile Maifest kam. Das brachte dann zwei Ideen auf: Transparenz in der Arbeit und Struktur durch ein sportähnliches Verfahren, Scum genannt. Product Backlog, Daily Scrum, Product Owner, Scrum Master, Sprint, Retrospektive, Struktur der Selbstführung. Man übernahm Prozeduren, die es in anderen Arbeitsbereichen, z.B. im Gesundheitswesen im Klinikalltag schon lange gab.
Aber was ist mit der Führung. Problematisch wird es an der Schnittstelle zwischen den operativen Teams und dem Management oben, das ja auch mit der Kapitaleignerseite verbunden ist. Das Musterbeispiel der holländischen Buurtzorg braucht keine Zielführung, wenn man Lalouxs „Reinventing Organisations“ zu Rate zieht. Oder auch „Ein Arbeiter kauft eine Maschine“, der geflügelte Satz des New Work, zeigt Beweglichkeit auch in der Verantwortung. Wie ist dann mit der Führung? Können das Leute nicht alleine oder gibt es gar ein Bedürfnis nach Führung? Der Transaktionsanalytiker Eric Berne hat es aus dem Grundbedürfnis nach Struktur bei Menschen abgeleitet. Aber war das nicht nur ein Relikt aus den autoritären Zeiten? Und mit Struktur meint er vor allem Zeitstruktur. Was ist wann angesagt? Wann will oder muss ich was tun? Menschen bilden dazu gerne Routinen und Gewohnheiten, was einerseits nicht immer agil ist, andererseits im Scrum gerade geübt wird. Und folgt man Brian Robertsons Holacracy-Vorschlag, so bleibt Einiges für die Konflikte bereitzuhalten, die Menschen normalerweise miteinander produzieren. Process Facilitators braucht es an allen Ecken. Und immer wieder die Klage, das Agile ginge doch nicht mit allen. Wie müssen Menschen eigentlich sein, um agil arbeiten zu können?
Aber braucht man da noch Führung oder braucht man Coaches mit Mut?
Lit.:
(2015): Systemische Wirtschaftsanalyse. Bergisch-Gladbach: Edition Humanistische Psychologie.
(2017): Resilienzcoaching für Menschen und Systeme, Grevelsberg: Edition Humanistische Psychologie.

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