Systemische Organisationsanalyse der Nationalmannschaft bei der WM 2026

  1. Aufmerksamkeit

Mit der Hauptaufmerksamkeit erfasst man, womit sich die Mitglieder eines System wirklich befassen. Es geht nicht darum, was in Veröffentlichungen steht, sondern was die Systemmitglieder wirklich tun und was sie im Kopf haben. 

Hier gab es einige Auffälligkeiten: 

  1. Im Spiel war man sehr auf Sicherheit bedacht. Das Hintenrumspielen ist zwar für die großen Mannschaften heute typisch. Wie im Handball spielt man um einen Halbkreis herum. Aber wenn man nicht wie Argentinien, England oder Portugal Ausnahmekönner im Sturm hat, wird es heute gegen jede defensiv gut eingestellte Mannschaft schwer, siehe auch die ausgeschiedenen Niederlande, auch Belgien mit Hängen und Würgen. 
  2. Die Hauptaufmerksamkeit lag vorher sehr stark auf Nominierungen, auf einzelnen Personen. Offiziell hieß es, die besten sollen spielen. Aber ist das wirklich das Thema? Soll nicht die beste Mannschaft spielen, z.B. Spieler, die auch in schwächeren Mannschaften zu hohen Leistungen in der Lage sind, etwa wie der Frankfurter Brown oder der Kölner El Mala. 
  3. Spieler, denen man Vertrauen geschenkt und versprochen hatte – wie Baumann – werden plötzlich ausgebootet. Welches Signal gibt man dann an andere Spieler? 
  4. Themen wie Frauen, Freundinnen und sogar Mütter spielen im Camp eine Rolle. Hatten Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer und Yogi Löw ihre Mütter dabei? Wer darf anreisen, wer nicht? Das beschäftigte angeblich die Spieler. 

Zur Aufmerksamkeit gehören auch eine normative, eine strategische und eine operative Ebene. Normativ meint den Beitrag, den man für die Gesellschaft liefert. Die Frage, was die Nationalmannschaft für die deutsche Bevölkerung oder darüber hinaus leistet, ist ungeklärt. Ist sie wie ein traditionelles nationales Symbol mit drei Farben oder zeigt sie die positive Integrationsleistung des Landes an? 1994, das durch die Dokumentation jetzt oft verglichen wird, stand eine deutsche Mannschaft zum Beispiel unter dem Druck, Deutschland vom Bild der Rechtsradiklalen mit Brandsätzen vor Asylheimen zu befreien. Worum ging es jetzt eigentlich? 

Strategisch bedeutet, mit welcher Vision und Zielrichtung man auftritt: (a) Weltmeister werden oder (b) junge Spieler in einem Turnier Erfahrungen sammeln lassen, (c) irgendwie in der Tradition von Deutschland stehen, (d) gar nichts. Eine Grundaufmerksamkeit sollte heute auch darauf liegen, wie sich der Fußball verändert hat. Jede Mannschaft ist heute taktisch in der Lage, den Großen Paroli zu bieten. Man propagierte Strategie (a). Es gab aber keine Belege aus den letzten Jahren, dass das realistisch war.

Als Drittes gibt es die operative Ebene: Wer spielt und wie spielt man? Dazu unter Kommunikation und Problemlösung mehr. 

2. Rollen

Die Rollengeschichte fängt beim ersten Hinsehen mit den Rollen der Spieler an. Es kann nicht jeder irgendwo hinlaufen, wo er will. Der Verteidiger kann nicht auf einmal ständig in der vorderste Reihe sein und dort verteidigen. Wenn Spieler auf ihrer angestammten Position spielen, wissen sie genau wie sie sich bewegen müssen. Dies war diesmal nicht unbedingt der Fall, siehe rechte Außenverteigerposition für Kimmich. 

Die Rollen auf dem Platz haben gerade im Fußball eine sehr wichtige Bewandtnis. Wie erfüllen die Systemmitglieder ihre unterschiedlichen Rollen? Die geht von denen, die das Camp aussuchen bis zu denen auf dem Platz. 

Für die Rollenebene ist auch wichtig, welche Persönlichkeiten in welchen Rollen sind. Ist jemand ein körperlich wenig robuster Spieler, so ist er in einer Mittelstürmerposition, in der es oft körperlich sehr dicht zugeht, nicht so günstig. Ist jemand beispielsweise ein langsamerer Spieler ist er auf einer Außenverteidigerposition nicht so sehr gegen schnelle Außenstürmer geeignet. Nagelsmann bemerkte auf die körperlich weniger robusten Filigrantechniker Wirtz und Musiala in der Mannschaft angesprochen, dann müssten sie den Ball schneller abgeben. Gleichzeitig sollen sie aber im Dribbling Ales windelweich spielen. Was jetzt?

Nun ist er schon genannt, der Trainer, eine zentrale Rolle, an dem sich im Fußball gerne vieles festmacht. In der deutschen Mannschaft war ein sehr erfahrener und mit Vereinsmannschaften (Bayern, Barcelona) sehr erfolgreicher Trainer (Flick) gescheitert. Man nahm einen jungen ambitionierten Trainer., einen der so genannten Taktiktrainer ohne große eigene Spielererfahrung. Er zeigte sich zunächst eloquent in der Vorstellung und wurde auch von vielen als „Fußbalfachmann“ gelobt, wobei diese Titulierung von den so genannten Experten oft bedeutet, dass er ein Theoretiker ist, nicht selbst gespielt hat und ihm gerade diese Erfahrung fehle. Die Sendung der Doppelpass lebt von dieser Kontroverse, obwohl man so viele intuitiv gute Fußballer erlebt hat, die kleinen Schimmer davon hatten, warum sie etwas machten. 

In Belastungssituationen, z.B. Entscheidung über Neuer und im dritten Vorrundenspiel zeigte Nagelsmann wenig erfahrungsgeleitetes Handeln. Er stand bei Neuer nicht zu vorherigen Abmachungen und im dritten Vorrundenspiel schickte er im Gegensatz beispielsweise zu den Norwegern, die in einer ähnlichen Situation standen und ihre Besten schonen wollten, die erste Elf aufs Feld gegen Ecuador. Die erste Elf reagierte dann, wie man es tut, wenn man sich fürs nächste Spiel schonen will: Man zieht den Fuß zurück. Die These, hier noch ein anderes System mit der ersten Elf einspielen zu wollen, erschien mitten in einer WM auch illusorisch. Ein erfahrener Trainer hätte den versprochenen Einsatz für die bisherigen Ersatzspieler gewährleistet. Dies passierte nicht. Erwartungen wurden enttäuscht. Eine Niederlage und ein Knick im Selbstvertrauen der Mannschaft war die Folge. Die Konsequenz zeigte sich im Folgespiel gegen einen ähnlichen Gegner (Paraguay) in sehr langsamem und vorsichtigen Spiel. 

Jetzt ist Jürgen Klopp in aller Munde. Aber soll nicht ein deutsche Tugenden-Trainer wie Baumgart  oder Kwasniok mal ans Ruder? Schlechter wäre das wohl auch nicht. Man muss nur zwischendurch auch mal hinfahren und Beziehung zu den Spielern aufnehmen, auch wenn sie weiter weg spielen. Oder ein Urs Fischer, der in aller Ruhe und mit weniger Worten aus der lahmen Ente Mainz ein Team mit Erfolg und sehr selbstbewussten Spielern (Sano, Amiri,…) gemacht hat.  

Zu den Rollen zählen auch die, die das Camp aussuchen, die erlauben, dass Mütter mitfahren, die Funktionäre. Deren Wirken ist nicht so sichtbar. Aber die Verträge, die sie beispielsweise mit einem jungen unerfahrenen Trainer schließen, wirken merkwürdig. 

3. Beziehungen

Rollen stehen in Beziehungen. Wie die Beziehungen zueinander sind, ist sehr entscheidend für die Leistung von Menschen. Ideal sind symmetrische Beziehungen, in denen der eine dem anderen für seine Rolle Feedback geben kann. Eine Augenhöhe bedeutet das in Würdigung der Rollen. Es scheint sehr starke Unterschiede zwischen offener und verdeckter Kommunikation gegeben zu haben. 

 

Spielt es eigentlich für die Beziehungen eine Rolle, dass der Trainer mit einem Großteil der Spieler bei Bayern (Neuer, Musiala, Kimmisch, Goretzka, …) schon trainierte und dort wegen mangelnder Erfolge entlassen wurde, 

4. Kommunikation

Hier ist bei einem System die Innen- und die Außenkommunikation zu unterscheiden. Im Profifussball auf Nationalmannschaftsebene ist die Außenkommunikation oft sehr sichtbar. Selbst 20-jährige junge Spieler beherrschen Antwortgeben in Interviews. Sie werden darin trainiert wie im Passspielen auf dem Platz.

Wieweit die Außenverlautbarungen dem Inneren entsprechen, kann man nicht so wissen. Der Trainer soll mit den Spielern nicht so sehr viel kommuniziert haben. 

Inzwischen hat sich im Fußball eine Entschuldigungskultur entwickelt. Da sieht man einen kaum genügenden Spieler, aber immer Interview danach ist er äußerst demütig. Spieler und Trainer entschuldigen sich nach weniger guten Spielen. Dabei geht man in der Regel aber nicht in die Tiefe, beispielsweise eine eigene Aktion zu erwähnen. Man führt allgemeine Dinge wie Platz, Wetter oder sonstige Kräfte heran. Dass ein Stürmer sagt, er hätte selbst einen Fehler gemacht, findet man kaum. 

Auch ist es unüblich, Spieler in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Tuchel hat dies mit Kane getan, aber ich fand es auch riskant. Aber Tuchel hat Einiges vorzuweisen und sehr belehrbar scheint e nicht.  

5. Problemlösung

Die Problemlösungsmuster bestehen aus zwei wesentlichen Aspekten, einmal der Definition, was überhaupt ein Problem ist und zweitens des Lösungsspektrums, das man ins Auge fasst. 

Verteidigung ist eine Problemlösungsaufgabe. Wenn man einmal vergleicht, mit welchem Körpereinsatz defensiv ausgerichtete Mannschaften (Beispiel Ghana gegen England) verteidigt haben: zwei Verteidiger springen im nahezu Spagat knapp über der Grasnarbe hintereinander dem Schützen Kane entgegen, so dass der Ball kein Durchkommen hat. Dagegen sah man einen deutschen defensiven Mittelfeldspieler, als er Seher stolzierend den Ball durch die Beine geschossen kommt, was Neuer etwas die Sicht nahm und er zu langsam für den Ball wurde. 

Zum Problem gehört auch, dass heute die beste Mannschaften sehr gut in der Defensive sind und gerade gegen die großen Mannschaften nicht so gerne selbst aktiv sind. 

Lösung beginnt mit der Vorbereitung, der Einhaltung von Fairness im Vorfeld. Dies erfordert wiederum sehr viel Kommunikation. Weltmeisterschaften und Europameisterschaften gibt es alle zwei Jahre. Also kann man unterschiedliche Lösungen probieren. Auch hier ist wieder die Mannschaft interessant. Wer spielt in einer schwächeren Mannschaft hervorragend. Dann wäre die Entscheidung zwischen Landrat Karl und Said El Mala einfach gewesen. 

Im Spiel selbst kann man durch die drei Unterbrechungen nachsteuern. Tucghel hat dies schon gezeugt. Die deutschen Wechsel im Praquayspiel deuteten nicht auf „jetzt alles nach vorne“ hin. 

6. Erfolg

Erfolg ist die beste Motivation, heißt es. Es fing ja mit einem Erfolg an, dem höchsten der bisherigen WM 2026. Aber wie trügerisch war das. Zeitweise war nach 2022 ein leichte Aufschwung festzustellen. Vielleicht hat aber falsches Taktieren hier wieder zum Verlassen der Erfolgsspur geführt. International sehr erfolgreiche Spieler wie Havertz oder auch die Bayernspieler verlieren in der Nationalmannschaft ihre Power. 

„Die Mannschaft“ hieß es eine Zeitlang, was auch nicht fruchtete. Und wenn heute – erlauben Sie mir dies sarkastischen Teil  – die Mütter mitfahren, passt so ein Begriff auch nicht mehr. Aber „Muttersöhne“ käme auch nicht gut. 

7. Gleichgewicht

Hier hat man eine Standradidee für Systeme. Systeme mögen Gleichgewichte. Da geht es auch darum, wann man die Welt in Ordnung fand. Deutschland war viermal Weltmeister.  Das ist der Gleichgewichtsmaßstab. Es ist aber eine Zeitlang her. Uruguay war auch zweimal Weltmeister. Ich erspare ihnen die lange Zeit, die seither vergangen ist. An die Urus, wie so liebevioll genannt werden, stellen die Einheimischen auch immer noch die Anforderungen wie vor fast 100 Jahren 

Vielleicht ist es mit Deutschland so wie in der Leichtathletik, wo Deutschland einmal groß war, heute aber nicht mehr, oder im Eishockey, wo zumindest vor einigen Jahre mal Glanzzeiten herrschten. Im Handball geht es auch sehr hin und her. 

Es gibt keine Gleichgewicht im Sport. Aber Regeln für Erfolg gibt es schon: Wieso beherrscht ein Miniland wie Norwegen (weniger Einwohner als Hessen) den Wintersport und ist jetzt auch im Fußball eine große Nummer? Das wäre eine gute Frage: Realistisch und unbeschwert in Wettkämpfe gehen. 

8. Rekursivität

Unter Rekursivität versteht man, dass gleiche Prinzipien in unterschiedlichen Systemteilen und -ebenen gelten. Das Prinzip „großes Geld“ zieht sich von der FIFA bis zu den potenziellen Prämien der Spieler durch. Ebenso scheint es mit dem Prinzip „angenehme Bedingungen“ zu sein. Die Fußballschule Malente mit ihren Jugendherbergsbetten ist lange her. Wie stellt man Bedingungen für junge, männliche Millionäre her? 

Oder wie können in eine 90.000-Leute-Stadion 80.000 Argentinier mit Ticketpreisen ab 1000 Euro sein, die nachweislich nicht in einem reichen Land wohnen. Mir sagte ein Kenner, die kündigen ihren Job, verkaufen ihre Wohnung, um einmal Messi bei einer Fußball-WM zu sehen. Zieht sich ein solcher Einsatz nicht durch? 

Aber gut, dass Sie nicht gekündigt und iIhr Haus verkauft haben. Das wäre eine traurige Angelegenheit. 

9. Außer Pulsation

Bei der äußeren Pulsation wird betrachtet, wie das System sich an den äußeren Grenzen verhält. Hier geht es um Personen wie auch am Informationen, genauso um das Hineinkommen wie auch das nach Außen Kommen. 

In diesem Bereich ist feststellbar, dass nicht viel der internen Befindlichkeiten im Camp wirklich nach außen kommen. Selbst extreme Kritiker halten sich an einen gewissen Verschwiegenheitskodex. Aber wenn die Spieler Journalisten fragen müssen, wo man etwas um das Hotel herum unternehmen könnte, liegt für die Außenbeziehung doch Einiges im Argem. Junge sportliche Millionäre wissen zum Teil nicht viel mit sich anzufangen. Ich hatte selbst einmal ein Seminar in einem Hotel, in dem sich eine Bundesligamannschaft auf ein Spiel vorbereitete. Es war interessant, mit was die Spieler sich die Zeit vertreiben. 

Seit einigen Weltmeisterschaften scheint es so zu sein, dass immer Mannschaftsquartiere weit vom Leben der Menschen gesucht werden. So ist keine Ablenkung da, aber auch keine notwendige. 

10. Innere Pulsation

In der inneren Pulsation unterscheidet man die verschiedenen Subsysteme in einem Gesamtsystem und ihre Dynamiken miteinander. Dadurch dass wie oben beschrieben auch Familienangehörige von Anfang an dabei waren, erhöht sich die Differenzierung in Subsysteme. 

Es ist immer die Rede von so gebannten Führungsspieler, obwohl mir überzeugende Führungsspieler nicht deutlich werden. Neuer wirkt nicht sehr bezogen auf andere, Kimmisch bemüht, aber auch hilflos. Also die Führungsebene in der Mannschaft war kaum besetzt. Der Bayernblock offenbarte diesmal wenig Rückgrat für die Mannschaft. 

Zu den anderen Subsystemen im Gesamtsystem (Funktionäre, Familien) wissen die Insider mehr. 

Fazit: 

Vielleicht einige Punkte zum Nachdenken…….